Die Geschichte des NATO Chronographen
1984, auf dem Höhepunkt der Quarzkrise, lehnte die Bundeswehr elektronische Uhren ab und beauftragte einen mechanischen Chronographen. Tutima baute ihn.
Bis 1984 hatte die Schweizer Uhrenindustrie zwei Drittel ihrer Belegschaft an die Quarztechnologie verloren. Mechanische Werke galten als überholt — Relikte eines langsameren Jahrhunderts. Die Zukunft war digital, batteriebetrieben und billig.
In diesem Jahr schrieb die deutsche Luftwaffe einen mechanischen Fliegerchronographen aus. Die Bundeswehr vertraute Quarz im Einsatz nicht. Sie brauchte eine Uhr, die nach elektromagnetischen Impulsen, in extremen Höhen und unter Dauervibration funktionierte. Tutima erhielt den Zuschlag.
Das Ergebnis war der NATO Chronograph, Ref. 798, mit der NATO-Versorgungsnummer 6645-12-194-8642. Im Inneren arbeitete ein Schweizer Lemania Kaliber 5100 — eines der letzten großen mechanischen Chronographenwerke, bekannt für seine Belastbarkeit. Das Gehäuse war perlgestrahltes Titan mit einem Mu-Metall-Innenschild — eine weichmagnetische Nickel-Eisen-Legierung, dasselbe Material, das bei MRT-Geräten zur Abschirmung verwendet wird. Das Saphirglas war 2,5 mm stark, beidseitig entspiegelt. Drücker und Krone saßen gehäusebündig — eine militärische Vorgabe, um das Verhaken an der Flugausrüstung zu verhindern.
Die Uhr wurde bei 1.500 Metern und 15 Kilometern Höhe flugerprobt. Sie erhielt ein NATO-Abnahmezertifikat. Ein Exemplar verbrachte eine Woche an Bord der Raumstation MIR.
Als Dieter Delecate die Uhr 1985 öffentlich anbot, hielten seine eigenen Verkäufer sie für unverkäuflich. „Japanische Quarzuhren waren aufregend", erinnerte sich Delecate. „Mechanische Chronographen waren nicht sehr beliebt." Sie irrten sich. Der NATO Chronograph fand sein Publikum bei Sammlern und Fachleuten, die verstanden, was die Streitkräfte spezifiziert hatten — und warum.
Die Verbindung zur Luftfahrt war keine Erfindung einer Marketingabteilung. Ernst Kurtz, der Gründer von Tutima, hatte einen Bruder — Dipl.-Ing. Walter Kurtz — der Testpilot war. 1941 produzierte die Kurtz-Fabrik den Fliegerchronograph für die Luftwaffe, angetrieben vom Kaliber 59. Rund 30.000 Stück wurden zwischen 1941 und 1945 gebaut. Der NATO Chronograph war ein direkter Nachkomme, getrennt durch vier Jahrzehnte, aber angetrieben von derselben Frage: Was braucht ein Pilot am Handgelenk?
1994 brachte Delecate den Flieger als zivile Uhr zurück. Er wurde zum Symbol der mechanischen Renaissance. Die Bundeswehr unterhält bis heute zwei Werkstätten in Norddeutschland, die ausschließlich der Reparatur der originalen NATO Chronographen dienen.
Das Lemania 5100 wurde schließlich eingestellt. Tutima reagierte mit eigenen Lösungen, darunter das Cal. 521 mit einem patentierten zentralen Minutenzeiger. Heute führt die M2-Linie die Spezifikationen fort, die mit der Ref. 798 begannen — Titangehäuse, Mu-Metall-Abschirmung und ein zentraler Minutenzähler, der auf einen Blick ablesbar ist.