Unsere Geschichte
Glashütte
1845
Im Jahr 1845 kam Ferdinand Adolph Lange in ein Tal in Sachsen, um einer verarmten Bergbaustadt eine Zukunft zu geben. Er wollte ihre Bewohner das Uhrmacherhandwerk lehren. Die Stadt hieß Glashütte — umgeben vom Erzgebirge, erreichbar über eine einzige Straße. Innerhalb einer Generation wurde sie zum Zentrum der deutschen Präzisionsuhrmacherei.
Heute, 180 Jahre später, arbeiten hier noch mehrere unabhängige Manufakturen. Tutima ist eine davon. Die Bezeichnung hat rechtliches Gewicht. Das deutsche Gesetz verlangt, dass ein wesentlicher Anteil der Wertschöpfung in dieser Stadt stattfindet, damit eine Uhr ihren Namen tragen darf.
Tutimas Geschichte in Glashütte beginnt 1927 und führt durch Zerstörung, Exil und Rückkehr. Das Unternehmen wurde hier gegründet, hier demontiert und — dreiundsechzig Jahre später — hier aus dem Nichts wieder aufgebaut. Was folgt, ist die Geschichte, wie das geschah. Und warum es drei Generationen einer Familie wert war, sie zu Ende zu bringen.
“Der Mythos Glashütte — er hat Tutima gerettet.” — Dieter Delecate
Ernst Kurtz
1927
Ernst Kurtz wurde am 8. Februar 1899 in Altona bei Hamburg geboren. 1924 promovierte er an der Universität Halle/Saale zum Doktor der Rechte und trat eine Stelle beim Zentralverband der Deutschen Uhrmacher an. Er war 25. Sein Einstieg in die Uhrenbranche war juristischer Natur, nicht mechanischer.
1926 entsandte die Giro-Zentrale Sachsen in Dresden den jungen Juristen nach Glashütte. Der Markt für feine Taschenuhren war im Krieg eingebrochen. Mehrere Firmen hatten Konkurs angemeldet. Kurtz wurde zum Geschäftsführer und Alleingesellschafter zweier neugegründeter Unternehmen bestellt: UROFA und UFAG. Er war 27.
1927 ließ er die Marke Tutima eintragen. Der Name stammte vom lateinischen tutissima — die sicherste, die geschützteste. In einer Zeit, in der die meisten Menschen noch Taschenuhren trugen, war der Name ein Versprechen: Armbanduhren sind zuverlässig. Ein zeitgenössischer Bericht nannte sie „Glashüttes erste und seinerzeit feinste Armbanduhr“.
In den folgenden zehn Jahren veränderte Kurtz die Stadt. Er führte die maschinelle Fertigung von Armbanduhren ein und entwickelte persönlich zwölf Kaliber. Seine UROFA-UFAG-Gruppe beschäftigte 1.000 Menschen — Glashüttes größter Arbeitgeber. Seine Fabrik lieferte Rohwerke an die gesamte Branche. Selbst A. Lange & Söhne, ohne eigene Kapazitäten für die Armbanduhrenproduktion, war Kunde.
Sein Bruder, Dipl.-Ing. Walter Kurtz, war Testpilot. Die Verbindung zur Luftfahrt war keine Markenstrategie. Sie lag in der Familie.
1941 produzierte Kurtz’ Fabrik den Fliegerchronographen für die Luftwaffe — eine der ersten deutschen Chronographen-Armbanduhren, angetrieben von seinem Kaliber 59. Rund 30.000 Stück wurden zwischen 1941 und 1945 gefertigt. Die Uhr saß am Handgelenk von Piloten, die auf sekundengenaues Timing in großer Höhe angewiesen waren. Das Firmenmotto, gedruckt auf allem: In Tutima-Gemeinschaft.
“In the 1930s, his UROFA-UFAG group employed 1,000 people in Glashütte.” — Dieter Delecate
Zerstörung & Exil
1945
Am 17. April 1945 fielen alliierte Bomben auf Glashütte. Dann kamen die Sowjets und demontierten, was noch stand — Maschinen, Werkzeuge, Rohmaterialien, alles, was sich nach Osten transportieren ließ. Die Uhrenindustrie, die Kurtz in zwei Jahrzehnten aufgebaut hatte, war in wenigen Wochen ausgelöscht.
Kurtz floh nach Bayern. Am 25. April 1945 meldete er sich als neuer Einwohner in Memmelsdorf, Franken. Er eröffnete eine kleine Fabrik, verlegte die Produktion 1951 nach Ganderkesee bei Bremen. Seine Uhren trugen das Logo „KURTZ“ mit dem Zusatz „GLASHÜTTER TRADITION“ in Kursivschrift darunter. Den Namen Tutima gab es nicht mehr.
1954 hörte ein 19-Jähriger in Ganderkesee, dass ein örtlicher Uhrenhersteller Mitarbeiter suchte. Er ging zur Fabrik. Ernst Kurtz führte das Vorstellungsgespräch persönlich und gab ihm die Stelle.
Der junge Mann hieß Dieter Delecate. Kurtz wurde sein Mentor. „Er hat viel über Glashütte erzählt“, erinnert sich Delecate. „Schon am ersten Tag hat er mir von Glashütte erzählt und von seiner Vergangenheit.“
Delecate wechselte in den Vertrieb und gründete 1957 ein eigenes Großhandelsunternehmen. Doch die Zeiten waren schwierig. Das Zentrum der westdeutschen Uhrenproduktion hatte sich nach Süden verlagert, nach Pforzheim. Kurtz konnte mit der Massenproduktion nicht mithalten. Sein Unternehmen ging 1959 in Konkurs.
Delecate handelte schnell. 1960, mit 25 Jahren, erwarb er die Rechte am Namen Tutima. Er stellte mehrere von Kurtz’ Technikern ein und gründete die Tutima Uhrenfabrik GmbH in Ganderkesee. Mit etwa einem Dutzend Fachleuten belebte er die Marke neu — zunächst mit Damenuhren, dann mit Herrenuhren. Am 7. April 1970 ließ er das Warenzeichen beim Deutschen Patentamt eintragen: Nr. 867903.
Seine Handelsvertreter hielten es für einen Fehler. „Warum benutzen Sie diese Marke? Die kennt doch keiner.“
Seine Antwort: „Wir müssen sie benutzen. Es ist eine Glashütter Marke. Sie hat eine Grundlage. Sie hat eine Geschichte.“
In den folgenden Jahrzehnten baute Delecate das Unternehmen durch die Quarzrevolution und wechselnde Märkte hindurch auf. Als Pforzheimer Zulieferer sich weigerten, an einen norddeutschen Konkurrenten zu verkaufen, bezog er Gehäuse aus Hongkong.
Er besitzt noch heute einen privaten Brief von Kurtz: „Ich betrachte Dieter Delecate als meinen Nachfolger.“
Kurtz heiratete nie und hatte keine Kinder. Er starb am 9. April 1996, im Alter von 97 Jahren, in Ganderkesee — derselben Stadt, in der Delecate Tutima führte. Er lebte noch, als 1994 die Neuauflage des Fliegerchronographen erschien. Er erlebte, wie sein Werk wiedergeboren wurde.
“Wir müssen sie benutzen. Es ist eine Glashütter Marke. Sie hat eine Grundlage. Sie hat eine Geschichte.” — Dieter Delecate
Die Rückkehr
1989
1984 schrieb die Bundeswehr einen mechanischen Fliegerchronographen aus. Mechanisch — zu einer Zeit, in der die Branche mechanische Werke längst zugunsten von Quarz aufgegeben hatte. Tutima erhielt den Zuschlag. Der NATO-Chronograph, Ref. 798, verwendete ein Schweizer Lemania-Kaliber 5100 und trug die NATO-Versorgungsnummer 6645-12-194-8642. Er wurde bei 1.500 Metern und 15 Kilometern Höhe im Flug erprobt.
Als Delecate ihn 1985 auch der Öffentlichkeit anbot, blieb der Markt gleichgültig. „Japanische Quarzuhren waren aufregend“, sagt er. „Mechanische Chronographen waren nicht besonders gefragt.“ Seine Handelsvertreter nannten die Uhr unverkäuflich. Delecate trug sie trotzdem jeden Tag.
1989 brachte Tutima eine Broschüre heraus, die den Fliegerchronographen von 1941 neben der modernen NATO-Uhr zeigte. Die Reaktion überraschte alle. „Die Leute sagten: Was für eine schöne Uhr. Die würde ich sofort kaufen, wenn Sie die so bauen“, erinnert sich Jörg. Ein Gedanke war gesät.
Dann änderte sich die Welt. Am 9. November 1989 fiel die Berliner Mauer. Wenige Tage später fuhr Dieter Delecate von Ganderkesee nach Glashütte. „Ich musste hin“, sagte er. „Ich war Herr Tutima.“
Alles sah heruntergekommen aus. Die Häuser waren nicht gestrichen. Die Einheimischen staunten über seinen Mercedes. Aber Delecate war nicht gekommen, um sich umzusehen. Er war gekommen, um herauszufinden, was möglich war.
Er traf sich mit der Leitung des VEB Glashütter Uhrenbetriebe, des Staatskombinats, das nach dem Krieg alle Glashütter Uhrenfirmen aufgesogen hatte. Doch es war zu früh. „Ich hatte meine Leute in Norddeutschland“, sagt er. „Hier hatten sie ein Unternehmen nach dem sozialistischen Modell mit 2.000 Beschäftigten.“
Dann kam die Nachricht, dass A. Lange & Söhne unter Günter Blümlein wiederbelebt werden sollte. „Ich dachte: Mein Gott, was mache ich jetzt?“ sagt Delecate. „Die hatten große Pläne. Ich musste umdenken.“
Er gab nicht auf. 1994 brachte er den Fliegerchronographen neu heraus — eine werkgetreue Reproduktion des Originals von 1941, mit einem ETA-Kaliber 7760. Die Resonanz war sofort da. Die Welt brachte eine Aufmachergeschichte über die Rückkehr der mechanischen Uhr. Das Foto zeigte den Tutima Flieger.
Jörg wurde 1998 Geschäftsführer. „Wir haben immer gesagt, Tutima gehört nach Glashütte“, sagt er. „Das war klar. Es muss zurückkommen.“
2005 fuhr ein Makler mit den Delecates durch die Stadt. Am Bahnhof kamen sie an einem Gebäude vorbei — einem denkmalgeschützten ehemaligen Eisenbahngebäude an der Altenberger Straße 6. Im Fenster: „I COULD BE YOURS.“
Delecate kaufte es. „Es war denkmalgeschützt; entsprechend waren wir eingeschränkt in dem, was wir tun konnten“, sagt Ute. „Tutima nach Glashütte zurückzubringen. Das war ein Traum von Dr. Kurtz.“
Am 1. März 2008 begann die Produktion. Am 12. Mai 2011 durchschnitt Dieter Delecate das Band und weihte die Manufaktur ein — sechsundsechzig Jahre nachdem die Sowjets das Original demontiert hatten.
In seiner Rede sagte er: „Dieser Tag hat eine besondere Bedeutung für mich. Ein Tag voller Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.“
“My father drove to Glashütte the day the Wall fell. He knew what he wanted to bring back.” — Jörg Delecate
Heimat
Today
Delecate fing nicht klein an. Das erste Projekt in der neuen Manufaktur war das anspruchsvollste: eine Minutenrepetition. Kaliber 800 — über 550 Komponenten, Handaufzug, mit einem Klang, der in Zusammenarbeit mit dem Institut für Musikinstrumentenbau an der TU Dresden entwickelt wurde. Fünfundzwanzig Stück insgesamt: zwanzig in Roségold, fünf in Platin. Enthüllt am 12. Mai 2011 — am selben Tag, an dem die Manufaktur eröffnete. Die schwierigste Uhr, die Tutima bauen konnte, sollte die erste sein, die in Glashütte fertiggestellt wurde.
Die Hommage ist die erste Minutenrepetition, die in Deutschland jemals als Manufakturwerk für eine Armbanduhr entwickelt wurde. 2013 gewann sie den Couture Time Award für herausragende Feinmechanik.
Kaliber 617 ist die Basisarchitektur mit Handaufzug — 171 Teile, Breguet-Spirale in Eigenproduktion, reguliert in sechs Positionen — der Standard sind fünf. Das Kaliber 800 der Hommage baut auf dieser Plattform auf und ergänzt sie um die Minutenrepetition. Die Patria folgte als Dreizeigervariante desselben Manufakturwerks — Tutimas Uhr für den formellen Anlass. Die Spiralfedern stammen von Karl Haas in Schramberg — nicht von Schweizer Zulieferern.
Danach kam Kaliber 521: ein automatisches Chronographenmodul mit patentierter zentraler Minutenanzeige. Der zentrale Minutenzeiger wird vom Zifferblattzentrum angetrieben, nicht von einem Hilfszifferblatt. Es treibt den Saxon One und den M2 an — den Titan-Nachfolger des NATO-Chronographen, jetzt mit magnetischer Mu-Metall-Abschirmung.
2018 wurde Tutima als erster Uhrenhersteller mit dem deutschen Preis „Manufaktur des Jahres“ ausgezeichnet.
Heute arbeitet ein kleines Team in Glashütte. Das Unternehmen hat seinen Sitz in Glashütte und Ganderkesee. Die Produkte erreichen mehr als 25 Länder. Jörg ist seit 1998 Geschäftsführer. Ute leitet PR und Marketing. Sie sind Inhaber und führen weiter, was ihr Vater wieder aufgebaut hat.
Ein neues Gebäude entsteht in Glashütte. Es soll zwei bisherige Standorte zusammenführen und die Kapazität erweitern. Geplante Fertigstellung: 2027 — das Jubiläumsjahr. Die Nachfrage übersteigt das Angebot.
Unabhängig. In Familienbesitz. Weiterhin in Glashütte. Eine von mehreren.
“The high-end products provide a halo effect for our regular watches. It shows what we are capable of.” — Ute Delecate
Newsletter
Neuigkeiten aus Glashütte.
Vielen Dank. Sie hören von uns.
Gemacht für die, die handeln. Seit 1927.
Die Kollektion entdecken