Tutima kehrt nach Glashütte zurück
Am Tag des Mauerfalls fuhr Dieter Delecate von Ganderkesee nach Glashütte — die Stadt, in der Tutima gegründet und demontiert wurde. Es dauerte neunzehn Jahre, doch er brachte sie zurück.
Am 9. November 1989 stieg Dieter Delecate in seinen Mercedes und fuhr nach Osten. Die Mauer war wenige Stunden zuvor gefallen. Er rief nicht vorher an. „Ich musste hin", sagte er später. „Ich war Herr Tutima."
Er kam in einer Stadt an, die aussah, als sei die Zeit 1945 stehen geblieben. Häuser ohne Anstrich. Die Leute starrten auf sein Auto. Delecate traf die Leitung des VEB Glashütter Uhrenbetriebe, des staatlichen Nachfolgebetriebs all dessen, was die Sowjets nach dem Krieg zusammengeführt hatten. Doch das Gespräch führte zu nichts. „Ich hatte meine Leute in Norddeutschland", sagte er. „Hier hatten sie einen Betrieb nach kommunistischem Modell mit 2.000 Mitarbeitern."
Delecate wusste, was verloren gegangen war. Im April 1945 trafen alliierte Bomben Glashütte — Deutschlands Uhrenhauptstadt seit 1845. Die sowjetische Besatzungsmacht demontierte die verbliebenen Anlagen und transportierte die Maschinen nach Osten ab. Ernst Kurtz, der Gründer von Tutima, floh nach Bayern und baute das Unternehmen in Ganderkesee neu auf, einer Kleinstadt bei Bremen. 1954 stellte Kurtz den 19-jährigen Dieter Delecate als Lehrling ein. 1960 hatte Delecate die Marke Tutima übernommen. Er war 25.
Drei Jahrzehnte lang führte Delecate das Unternehmen von Ganderkesee aus. Dann brachte er 1994 den Fliegerchronograph zurück — eine werkgetreue Reproduktion des Originals von 1941, angetrieben von einem ETA Kaliber 7760. Die Welt brachte die Geschichte als Aufmacher. Das Foto zeigte den Tutima Flieger. In einem Jahrzehnt, das vom Quarz dominiert wurde, schaffte es ein mechanischer Chronograph aus Glashütte auf die Titelseite. Die Uhr wurde zum Symbol der mechanischen Renaissance.
1998 wurde Delecates Sohn Jörg Geschäftsführer. Die Familie blickte wieder nach Osten.
2005 fuhr ein Immobilienmakler die Delecates durch Glashütte. An der Altenberger Straße 6 stand ein denkmalgeschütztes ehemaliges Eisenbahngebäude. Im Fenster hing ein Schild: „I COULD BE YOURS." Delecate kaufte es.
Am 1. März 2008 begann die Produktion in der neuen Glashütter Manufaktur. Rolf Lang, ein renommierter Dresdner Uhrmacher, übernahm die Betriebsleitung. Drei Jahre später, am 12. Mai 2011, wurde die Manufaktur offiziell eingeweiht — sechsundsechzig Jahre nachdem die Sowjets das Original demontiert hatten.
Dieter Delecate sprach bei der Zeremonie. „Dieser Tag hat eine besondere Bedeutung für mich", sagte er. „Ein Tag voller Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft."
Heute führt Jörg Delecate das Unternehmen gemeinsam mit seiner Schwester Ute, die als Direktorin für PR und Marketing verantwortlich ist. Sie sind die dritte Generation. Unabhängig. In Familienbesitz. Nach wie vor in Glashütte.